Kirmes "früher"

Von Katharina Kallen

Kirmes früher war eine wunderbare Zeit. Ich spreche von der Zeit vor dem 2. Weltkrieg, als ich noch ein Kind war. Vor Kirmes wurden die Häuser, Wohnungen und Straßen aufs Beste gesäubert. Es war eine Zeit der Vorfreude auf Kirmes. Jeder hatte noch viel zu erledigen, damit man das Fest in allen Richtungen genießen konnte. Fenster putzen und Gardinen waschen gehörte fest dazu. Die Fahnen wurden gehisst. Alles was Küche und Keller hergaben wurde aufgetischt. Mein Vater schickte mich Kirmessamstag Nachmittag zum Metzger Fromm um den ganzen Schicken zu holen. Den hatte mein Vater vorher zu Fromm's gebracht, damit er gekocht und gespritzt wurde. Ich habe ihn geholt und Vater hat ihn angeschnitten. Das war für mich aus heutiger Sicht, der Anfang der Kirmes. Dazu gehörten natürlich selbst eingemachte Gürkchen und Zwiebelchen, die ich aus dem Keller geholt hatte. Es hat alles sehr gut geschmeckt und gehörte zur Kirmesfreude.

Samstag abends stellten meine Schwester und ich am Hermannsplatz Stühle und Bänke an den Straßenrand, damit wir, d.h. Oma, Onkel Jakob und wir Kinder beim Fackelzug sitzen konnten. Oma kam auf den Stuhl. Meine Eltern standen am Straßenrand. Die ganze Stadt war voller Freude. Es kribbelte überall. Wir Neusser waren unter uns. Ich glaube es waren 60.000 Einwohner. Ich hoffe, dass es stimmt.

Dann die Kleiderfrage: zu Kirmes bekam ich auch ein neues Kleid (das hat sich bis heute erhalten). Wir hatten eine gute Näherin, die für uns die Kleider nähte. Ich war glücklich. Es hört sich jetzt vielleicht so an, als hätten wir in Saus und Braus gelebt. Das stimmt nicht. Meine Eltern sind immer in einem vernünftigen finanziellen Rahmen geblieben. Alles was auf den Tisch kam und alles Andere war bezahlt. Nichts auf Pump. Meine Mutter konnte gut wirtschaften.

Wir wohnten in der zweiten Etage über einer Bäckerei. Es war Pflaumenkuchen Zeit. Die Kunden brachten die großen Bleche zum Bäcker. Diese wurden in dem großen Ofen beim Bäcker gebacken. Ich sehe noch die Frauen mit den Blechen über die Straße gehen. Die Bleche hatten eine Größe von ca. 130 mal 70 cm. Es wurden viele Kuchen gebacken, denn die Verwandten vom Lande kamen nach Neuss um die Kirmes zu sehen.

Das Wetter war keine Frage, es war immer schönes Wetter. Sonne und etwas Wind. Der Wind wirbelte die Federn des Zweispitz auf. Der Zweispitz ist die Kopfbedeckung vom Leutnant und Oberleutnant im Grenadier Korps. Unsere Bäckermeister Fuchs war auch Oberleutnant. Es ist üblich, dass der Oberleutnant sonntags morgens vor der Parade zum Frühstück einlädt. Das fand im Hof im unseren Haus statt. Ich konnte vom Küchenfenster das lustige Treiben im Hof beobachten. Es war sehr schön. Ich habe immer noch die Geräusche und Sachen von den Grenadieren im Gedächtnis. Das Frühstück dauerte insgesamt zwei Stunden. Danach ging es zum aufstellen für die Parade. Heute wird ja auch noch alles genauso gemacht wie früher, nur etwas anders… Das Wort Event kannte man nicht. War auch nicht nötig, es war eine volkstümliche Freude, die ich auch noch heute in mir habe.

Ich bekam Kirmesgeld von meinen Eltern und Verwandten. Meine Schwester natürlich auch. Zuerst gingen wir mit den Eltern auf den Kirmesplatz, später gingen wir alleine. Als wir dann nach Hause kamen, fragte meine Mutter mich, auf welchen Karussells wir waren. Ich antwortete, auf keinem. Ich habe 2 Rollmops Brötchen gegessen und hatte noch etwas Geld mit nach Hause gebracht. Die Rollmops Brötchen haben sehr gut geschmeckt. Meine Schwester hatte kein Geld mehr. Sie war auf vielen Karussells gewesen.

Heute ist Donnerstag vor Kirmes und mir ist es im Grunde genau so wie früher, als ich jung war. Voller Erwartung auf Kirmes.

Nach dem schrecklichen Krieg 1947 lernte ich meinen Mann kennen. Er gründete 1948 den Grenadierzug "Liebe Jungens 1948" mit und war 50 Jahre aktives Mitglied. Erst als Grenadier, dann als Leutnant und schließlich als Oberleutnant. Es war eine schöne Zeit. Ich möchte sie nicht missen. Aber darüber muss ich mal ein anderes mal erzählen.

Katharina Kallen